Ein Buchtipp für alle Jungs-Eltern: „Artgerechte Haltung – Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung“

Schon in meiner Ausbildung zur Erzieherin hat einer meiner Lehrer immer wieder gepredigt, dass wir uns vom Rollenbild der Frau in der Erziehung von kleinen männlichen Rabauken lösen und mehr auf deren Bedürfnisse eingehen müssen. Das ist aber leichter gesagt als getan, denn jahrelang wurde auf die Gleichberechtigung von Mädchen gepocht und geachtet und das prägt uns ganz unweigerlich und vor allem auch unbewusst in unserem Umgang mit Jungen!
Ich bin eine Jungs-Mama. Und ich habe mich selber in den letzten drei Jahren immer wieder dabei ertappt, dass ich seinen Bedürfnissen im Grunde nicht gerecht werde. Eigentlich dachte ich immer, dass ich ne recht coole Erzieherinnen-Sau bin, denn draußen Fußball spielen und auf dem Bauteppich die höchsten Türme bauen liegt mir eindeutig mehr als das Kaffeekränzchen in der Puppenstube und das Weben mit dem Webrahmen. Also habe ich mich unglaublich auf meinen Sohn gefreut – juhu, keine rosa Puppensachen und Tokio Hotel Poster an den Wänden! Und dann stieß ich an meine Grenzen: Jungs ticken einfach anders als Mädchen und ich musste zugeben, dass ich doch mehr auf Mädchen programmiert bin, als ich dachte…
Umso mehr habe ich mich dann über ein Päckchen vom Random House Verlag gefreut, weil etwas drin war, das ich unbedingt lesen musste: „Artgerechte Haltung – Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung“ von Birgit Gegier Steiner, erschienen im Gütersloher Verlagshaus. Denn sie spricht mir aus der Seele, sie hat zu Papier gebracht, was mein Lehrer vor Jahren schon gepredigt hat und was immer als undefinierbares Gespenst in meinem Kopf herumspukte. Ich habe es verschlungen… Damit ihr versteht, was ich meine, hier mal ein Auszug aus dem Vorwort des Buches – ich hätte da schon vor Begeisterung heulen können:


„Ständig schlägt sich unser Sohn das Knie auf! Nach dem Spielen sind seine Hosen durchgewetzt und schmutzig. Er ist in Prügeleien verwickelt, tobt lautstark herum und fasst alles an. Jedes Holzstück mutiert in seinen Händen zu einem Ritterschwert oder einer Laserkanone. Die Auswahl seiner Freunde erschreckt uns, die Klagen über sein Verhalten machen uns Angst! 
Die Ergebnisse beim Diktat sind eine Katastrophe, die Noten peinlich schlechter als bei der kleinen süßen Luise aus dem Nachbarhaus. 
Gewiss hat er ADHS oder leidet zumindest unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. 
Er ist ein kleiner Rebell auf kurzen Beinen – ständig in Bewegung oder Konflikte verwickelt – so haben wir uns unser Kind nicht gewünscht! Wir sind überfordert mit der Energie, die aus ihm rund um die Uhr heraussprudelt. Und wir haben Angst! Angst davor, dass unser Sohn ein „Bildungsverlierer“ wird. Dass andere – vor allem die Mädchen – an ihm vorbeiziehen. Wir haben Angst davor, dass er seinen Weg nicht findet und den falschen Freunden folgt. Wir haben Angst davor, dass er seine Bewegungsmotivation und seinen Drang nach Grenzüberschreitung als Hooligan, als Rechtsradikaler in Springerstiefeln oder als Dschihadist auslebt. 
Wer einen Sohn hat, kennt diese bedrückenden Gedanken gewiss. Die Sorge, dass aus diesem kleinen Energiebündel ein rebellischer Nichtsnutz werden könnte, treibt uns um. 
[…] 
Ich schrieb dieses Buch, um aufzuzeigen, dass wir die natürlichen Gegebenheiten in unserer Erziehung ignorieren, verändern oder gar abschaffen wollen, anstatt zuzugeben, dass Jungen nun einmal anders sind. Sie haben besondere Bedürfnisse. Nur wenn wir diese akzeptieren und berücksichtigen, können sie sich zu authentischen, zufriedenen, stolzen Persönlichkeiten entwickeln. […]“

Birgit Gegier Steiner ist Leiterin einer Grundschule mit sport- und bewegungsorientiertem Profil im Kreis Konstanz. Sie weiß, wovon sie schreibt: sie ist Mutter von zwei eigenen Kindern und drei Stiefsöhnen. Für dieses Buch hat sie sich nicht nur Studien aus den Bereichen der Pädagogik, Soziologie, Medizin, Biologie und der Evolutionstheorie angeschaut und ausgewertet, sie greift auch selbst erlebte Geschichten auf. Genau das macht dieses Buch so interssant und fesselnd! Man hat irgendwie das Gefühl, als würde man einer „Leidensgenossin“ zuhören und nickt beim Lesen immer wieder mitfühlend mit dem Kopf und denkt „Hey, dass kenn ich…“.

 

Für alle Jungs-Eltern, die ihren kleinen trotzköpfigen, energiegeladenen Raufbold besser verstehen möchten und nach Wegen suchen, seinen Ideen- und Bewegungsdrang in vernünftige Bahnen zu lenken, ist dieses Buch eine Bereicherung für das Bücherregal!

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Kategorie Bücherregal

Ich bin Svenja, Mitte 30 und Mami von Mausekind und Zwergenmann. Von Beruf bin ich Erzieherin und zusammen mit den Kindern, einem wundervollen Ehemann und den drei Stubentigern lebe ich im Emsland.

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