Kolumne: Mein Körper und ich

In der heutigen Kolumne schreibt Sonja für euch über ein Thema, das viele Frauen kennen: den Blick auf den eigenen Körper und seine Veränderungen. Lest selbst…

Als ich ungefähr 13 Jahre alt war, malte ich in mein Tagebuch ein Selbstportrait. Auf diesem Bild zeichnete ich alles ein, was ich wichtig fand. Ich wollte ein Punk sein. Deswegen skizzierte ich, was meiner Meinung nach so alles dazu gehört. Sicherheitsnadeln in den Ohren, gefärbte Haare (dazu müsste ich Mama aber noch überreden) und zerrissene Jeans schienen mir ein guter Anfang.

Die eigene Unzufriedenheit

Schnell fing ich an, alles einzukreisen, was ich noch ändern wollte, damit ich mich endlich wohlfühlen konnte. Meine Nase fand ich viel zu groß. Ständig knautschte ich sie vor dem Spiegel zusammen und formte eine mir erstrebenswert erscheinende kleine Stupsnase mit meinen Fingern. Außerdem fand ich mich viel zu blass und die Sommersprossen mochte ich auch nicht so recht. Mein “Busen” war natürlich viel zu klein. Ich wollte deswegen mein Taschengeld für einen Wonderbra sparen. Die kamen da gerade auf und bei H&M gab es diese gepolsterten “Tittenkäfige”, in die ich mich später jahrzehntelang quetschen sollte, noch nicht für kleines Geld. Ja und dann war da natürlich noch der viel zu dicke Bauch, in den ich mit Anstrengung eine kleine Falte kniff und meine viel zu ausladenden Schenkel, die ich fortan für mehrere Jahre versuchte unter Röcken zu verstecken und die mich jeden Sommer in eine mittlere Krise trieben, wenn ich versuchte einen Bikini zu finden, der das irgendwie kaschieren sollte.

Und wer sich jetzt fragt, wie ich damals nun wirklich aussah: ich hatte einen straffen, falten- und dehnungsstreifenfreien, jugendlichen Körper, mit einem fröhlichen BMI von (!)Idealgewichtigen(!). (#neveragain)

Heute – über zwanzig Jahre später

Zwei Schwangerschaften mit jeweils über 20 Kilo Zu- und Abnahme liegen hinter mir. Zweimal habe ich gestillt – beide Male viele Monate lang. Ich wiege sicherlich mehr als 20 Kilo mehr als damals. Ich habe eher #mermaidthighs als eine #thighgap (haha), die Brust ist (wieder) klein. Und alles fühlt sich anders an. Weich und nach Erlebnissen. Und ich – ich fühle mich endlich wohl.

Aber was ist passiert?

Ich musste erst als Mutter geboren werden, um meinen Körper akzeptieren zu können. Komischerweise hat das irgendetwas mit meinem Unterbewusstsein gemacht, dass ich schon vor vielen vielen Jahren gebraucht hätte. Nicht, dass ich nicht auch heute mal zweifeln würde, wenn die Hose mal wieder kneift. Mein Grundgefühl aber – das ist ein anderes.

Und das sagt: Du bist okay! Und zwar ohne Aber.

Wenn ich mich heute zeichnen würde, würde ich einkreisen, was ich mag. Einfach, weil meine Einstellung eine andere ist. Heute mag ich meine blonden Haare und anstatt mich auf meine Nase zu fixieren, blicke ich in meine blauen Augen und finde sie strahlend. Heute hab ich wirklich einen weichen Mama-Bauch, den meine Tochter gern mit dem einer runden Biene vergleicht. Aber das wirft mich nicht mehr aus der Bahn. Und im Sommer trage ich trotzdem Bikinis. Ich sehe gar nicht ein, mich zu verstecken.

Was mir geholfen hat?

Kein Lesen mehr von Frauenzeitschriften. Auf Instagram ignoriere ich sämtliche Fitspo-Accounts und Ähnliches und folge stattdessen Body Positive Bloggern. Ich versuche mich nicht mehr mit anderen zu vergleichen, sondern freue mich stattdessen mit ihnen über das, was ich an ihnen schön finde.

Und last but not least: Meine Töchter!

Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. Ich weiß nicht wirklich, was bei mir der Auslöser war, mich so auf meinen Körper zu fixieren, aber ich habe so eine Ahnung. Meine Mutter war schon immer eher runder, mein Vater hingegen auf sehr schlanke Frauen fixiert. Beide trennten sich, als ich sechs Jahre alt war. Natürlich hat das was mit mir gemacht. Aber ob das allein der Grund war? Ich weiß es nicht. Meine Mutter hat mir immer vorgelebt, dass man sich in seinem Körper wohl fühlen kann, auch wenn der eben nicht dem 90-60-90 Ideal entspricht. Trotzdem begleitete mich diese Körperfixierung viele Jahre. Ich wollte niemals soo “dick” werden. Da konnte meine Mutter sich den Mund fusselig reden.

Einige Jahre später

Ich bin mit meiner ersten Tochter beim Babyschwimmen. In der Gruppenumkleide zieht sich auch eine Grundschulklasse um. Lauter Zweitklässlerinnen, eine süßer als die andere. Und sie unterhalten sich: Über ihre zu dicken Körper und wo sie abnehmen wollen! Zweitklässlerinnen!! Da ist der Groschen endgültig gefallen. Ich möchte nicht, dass meine Töchter den selben Weg gehen müssen wie ich. Sie sollen sich selber lieben, so wie sie es jetzt als Kleinkinder tun. Sie sollen lernen, dass alle Menschen sind, wie sie sind. Und zwar genau richtig! Dazu brauchen sie eine Mama, die ihnen das konsequent vorlebt. Und ganz nebenbei geht es mir auch besser, seit ich mich so akzeptieren kann, wie ich bin.

Wer jetzt anmerken möchte, ich sei nicht dick genug, um sowas zu erzählen, dem sei gesagt, dass ich nach diesem BMI-Gerede sehr wohl im Bereich des leichten Übergewichts rangiere. Anderen, die meinen, Übergewicht sei aber nunmal ungesund und wir sollen das nicht so verherrlichen, denen sei gesagt, die reine Kiloangabe auf der Waage sagt noch gar nichts darüber aus, wie gesund wir sind. Und wenn mein Arzt das so völlig okay findet, warum dann nicht auch ich?

Wenn wir Mamas also jetzt zum Jahresanfang wieder von diesem ganzen Diätgequatsche vollgesülzt werden, dann appelliere ich an uns alle: Halten wir uns die Ohren zu. Hören wir nicht hin. Wir müssen uns nicht beachbodyready machen für die nächste Sommersaison. Wir müssen den Braten und die Gänsekeule von Weihnachten und den Sekt von Silvester nicht bereuen. Wir hatten eine gute Zeit. Und die steht uns verdammt nochmal zu.

Wenn wir jetzt Sport machen wollen, dann nur noch, um uns etwas Gutes zu tun. Und nicht mehr, um in die blöde Jeans zu passen, die wir immer noch ganz hinten im Schrank aufheben und die uns sowieso nur unglücklich macht. Umarmen wir uns. Haben wir uns lieb. Unsere Kinder tun das ja auch.

Danke fürs Zuhören. Love, Sonja

Das bin ich:

Sonja Kirste – Ich bin mal poetisch und mal rauh, aber immer mit dem ganzen Herzen dabei.
Ich bin 34 Jahre alt, zweifache Mädchenmama *2014 und *2016, Journalistin und Bloggerin bei https://sonjaschreibt.com – Ein Mamablog über Familienalltag, Feminismus und Fairness
Instagram: https://www.instagram.com/sunnyheartgypsysoul/
Twitter: https://twitter.com/soschreibtsie

2 Kommentare

  1. Ich dachte grad so: Häää!? Das Bild passt so gar nicht zum Bild von Svenja, das ich vor Augen hab. Aber jetzt verstehe ich. Vielleicht mögt ihr, um nicht auch noch andere zu verwirren, einen Einleitungssatz hinzufügen, sodass man weiß, dass hier gerade nicht Svenja, sondern Sonja schreibt?
    Jedenfalls: Sehr schöner Artikel, ihr beiden. 🙂

    • Vielen Dank für den Hinweis! Ich habe erst überlegt, ob ich eine kurze Einleitung schreiben soll, fand das aber optisch nicht schön und dachte mir, dass „Kolumne“ im Titel reicht *lach* Aber eine kurze Einleitung ist wohl doch besser…

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